Medien und Skandale und der alltägliche Wahnsinn

Medien und Skandale und der alltägliche Wahnsinn

Oder: Wie ich wieder lernte, meine tollen Leder-Schuhe zu lieben…

Manchmal könnte man schon wahnsinnig werden. Kürzlich wollte ich mir wieder einmal ein paar richtig schöne Lederschuhe kaufen. Aber dann gab es wieder mal gleich zwei Berichte im Fernsehen… und zwar einen über die Zustände in Leder-Gerbereien in Indien und dann gleich noch einen über einen Skandal in einem Schlachthof irgendwo in Deutschland.  Und zack! …

Natürlich kam genau dann wieder dieses gar nicht so tolle Gefühl in mir hoch: Leder ist doch so ein wunderbares Material. Aber die Berichte über Tierquälereien überall – die machen mich halt jedes Mal schon irgendwie unsicher. Weil ich das Leid der Tiere ja damit nicht fördern will.. Nein das will ich natürlich nicht! Ist das dann wirklich gut, wenn ich mir ein paar Lederschuhe kaufe? Und weil man ja Verantwortung übernehmen will, geht es dann mit dem schlechten Gewissen von den Schuhen gleich weiter zu meiner Couch oder zu meinen Autositzen. Alles aus Leder. Und ich bin für alles verantwortlich… oder doch nicht?

Jetzt mal im Ernst: Ich habe mir doch früher auch schon Schuhe gekauft. Und ich zermartere mir das Hirn: War das früher auch schon, dass ich da bei jedem Einkauf mein Gewissen befragen musste? Je länger ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss: Nein, das war früher nicht so. Und zwar gleich aus zwei Gründen:

Der erste Grund: Die Globalisierung der Produktion

Das ist ja nun nichts Neues – aber offenbar müssen wir erst noch lernen, wie wir damit umgehen müssen. Also: Wenn ich früher für gutes Geld gute und schöne Lederschuhe gekauft habe, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie ganz ohne Skandale hergestellt worden sind. Weil wir uns darauf verlassen konnten, dass der Staat das für uns kontrolliert. Heute ist es einfach so, dass wir nicht mehr so genau wissen können, woher die Produkte, die wir kaufen, genau kommen. Und wir wissen auch nicht immer, wer das alles kontrolliert. Hauptsache gut und billig. Ganz ehrlich: Daran muss sich was ändern. Und das fängt ja bei uns selbst an.

Der zweite Grund: Die Globalisierung der Information

Im Fernsehen, im Internet und auch in der Zeitung werden wir alle ja ständig mit Horror-Informationen und Skandalen über alles Mögliche geflutet. Wir wissen „worldwide und realtime“ über jeden Skandal rund um den Globus Bescheid: Auto-, Eier-, Sexismus-, Chemie, Finanz-, Internet- oder Sonstwas-Skandale sind fester Bestandteil unseres Lebens geworden – und manchmal gibt es eben auch Skandalmeldung über den Umgang mit Tieren, irgendwo auf der Welt, irgendwo in Europa, irgendwo in Deutschland. Dummerweise kriegt man dabei aber nicht gesagt, was das mit den eigenen Schuhen zu tun hat. Und man wird langsam das Gefühl nicht mehr los, als gehe es da nur noch um Quoten, weil jede zweite Schlagzeile uns in einen neuen Skandal einführen zu wollen scheint. Und wenn man nicht aufpasst, läuft man zwar ständig mit einem schlechten Gewissen herum – kommt aber gar nicht mehr zum Nachdenken…

Drei Fragen, die ich mir stelle, damit ich mir keine Fragen mehr stellen muss:

Ich sage jetzt einfach mal, wie ich damit umgehe: Ich stelle mir bei jedem Skandal, der mir ans Herz gehen will, drei Fragen – und zwar genau in dieser Reihenfolge:

  1. Wo und wann genau fand das, was als Skandal berichtet wird, statt?
  2. Betrifft das mich selbst direkt oder macht es mich nur irgendwie betroffen – wie kann ich das herausfinden?
  3. Falls es mich und die Produkte, die ich kaufe, konkret betrifft: Was kann ich tun, um eine negative Entwicklung nicht zu verstärken – an welcher Stelle muss ich mein eigenes Verhalten ändern?

Und ganz ehrlich: Seit ich das mache, geht es mir auch wieder besser. Ich weiß, dass ich die Welt nicht alleine retten kann. Das ist ja eben das Problem, mit dem wir alle bewusst oder unbewusst umgehen:

Müssen wir als Verbraucher zu Detektiven werden?

Wir können uns auch nicht um alles kümmern und müssen uns schon auch darauf verlassen können, dass Skandale nur Einzelfälle sind und das Problem eines Anbieters nicht ein bisher unentdecktes Problem einer ganzen Branche ist. Bei uns in Deutschland haben wir das ja noch relativ gut: Da gibt es ja immer noch eine ziemliche engmaschige Kontrolle und auch schon immer einen hohen Anspruch an die Qualität. Aber deswegen können wir uns auch nicht einfach zurücklehnen. Wir sind zwar eigentlich nur Verbraucher – und keine Detektive! Aber wir können und sollten uns ja wenigstens auch mal selbst informieren. Ich kann dazu nur sagen, was ich wegen der Frage nach dem Leder gemacht habe. Dafür gib es ein einfaches Beispiel:

Kennen Sie eigentlich den „Tag des offenen Bauernhofs“?“

Ich kannte das bis im vergangenen Jahr auch nicht. Das ist eine Aktion vieler Landwirte in Deutschland, die immer im Sommer stattfindet. Man kann sich das dann alles mal ansehen und auch Fragen stellen. Ich wollte es einfach mal wissen. Deshalb war ich letzten Sommer auf einem Bauernhof mit Kühen in meiner Nähe – natürlich gleich mit der ganzen Familie. Und ganz ehrlich: Das war dann aber doch ganz anders, als ich mir das wegen der ganzen Berichte vorgestellt hatte: Eine Menge reale Tiere, aber alle sauber. Die hatten Platz im Stall, warn auch nicht festgebunden oder so. Sogar Bürsten als „Wellness“ für die Tiere gab es. Der Bauer kannte seine Tiere und hat mir erklärt, dass in Deutschland der Tierschutz sogar schon seit 2002 im Grundgesetz verankert ist. Das wusste ich ja schon.

Der Konflikt zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit – und warum er keiner sein muss…

Was ich aber nicht wusste, war etwas anderes. Der Landwirt, erklärte mir, dass er diese ganzen Dinge ja nicht nur für sein eigenes gutes Gewissen machen würde – sondern auch, weil er etwas davon hätte. Und jetzt kommt’s: Nur Tiere, die sich wohlfühlen, bringen gute Leistungen. Sie geben mehr Milch, brauchen weniger Medikamente und wenn sie zum Schlachter gehen, ist das Fleisch von guter Qualität. Haben die Tiere Stress auf dem Transport, wird das Fleisch zäh. Für die Haut des Rindes gilt das Gleiche wie für das Fleisch, hatte mir der Landwirt erklärt. Nur wenn das Tier sauber und gesund ist, ohne Verletzungen, dann wird aus der Haut gutes Leder. Eigentlich logisch. Nicht wahr? Also: Dieser Bauernhof auf dem ich war, das war ein realer Bauernhof, mit realen Kühen und nicht nur etwas, das ich auf dem Bildschirm gesehen habe. Seitdem ich das gesehen habe, geht es mir wieder ein wenig besser.

Und eines kann ich versprechen: Als nächstes steht bei uns der Besuch bei einer Gerberei auf dem Programm! Und vor allem will ich als nächstes wissen, woher das schöne Leder kommt, das ich an meinen Füssen habe. So, wie wir das beim Fleisch ja heute schon sehen können, das steht ja immer öfter mit dabei. Und wenn wir das auch beim Leder sehen können, dann können wir auch entscheiden. Das müssen wir dann sogar – wenn wir nicht weiter „blind kaufen“ und hinterher bei jedem Skandal-Bericht ein schlechtes Gewissen haben müssen…

Soviel also für den Moment. Und eines noch: Früher gab es eine einfache Regel: Richtig gute Qualität kostet auch richtig gutes Geld. Das sollten man mal wieder einführen..

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